Seit September 2016 arbeitet das Team struber_gruber im Auftrag des LVR an der Neugestaltung der Gedenkstätte Waldniel.

Das künstlerische Konzept von struber_gruber beruht auf der Einbindung von vielen unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren. Dieser partizipative Ansatz eröffnet Möglichkeiten des sozialen Aspekts des Erinnerns.

Der Leitsatz „Erinnerung entsteht gemeinsam zwischen Menschen, die heute leben“ ist durch das Interesse, an der Entstehung der Gedenkstätte mitzuwirken, in den letzten Monaten Wirklichkeit geworden. Mehr als 700 Menschen haben sich bisher beteiligt. Sie sind als Patinnen und Paten in der Organisation oder bei der Herstellung der Kugelskulpturen aktiv geworden.

Informationen zu Terminen, zur Geschichte und zum Hintergrund für die Gestaltung finden Sie unten.

DIE PATENSCHAFT FÜR DIE GEDENKSTÄTTE

Die freiwillige Übernahme einer Fürsorgepflicht wird oft als Patenschaft bezeichnet. Im Rahmen der Neugestaltung der Gedenkstätte Waldniel besteht die Patenschaft aus der aktiven persönlichen Teilhabe am Prozess des Erinnerns – eine finanzielle Beteiligung spielt hierbei ganz bewusst keine Rolle.

DEN NAMEN SCHREIBEND NENNEN

Die Patinnen und Paten sind Teil einer Gemeinschaft der Erinnerung. Sie erinnern an die Menschen, die während der NS-Zeit in der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Waldniel starben. Von den Lebensgeschichten dieser Menschen ist wenig bekannt. Die Information beschränkt sich oft auf den Namen, das Geburts- und Sterbedatum sowie die Todesursache.

Schreibende Hand auf Buch

Mit dieser Lebensspur sind die Patinnen und Paten direkt in Kontakt gekommen, indem sie handschriftlich die Namen und Lebensdaten in ein Wachsplättchen geschrieben haben. Die Schriftzüge wurden zu Bronzeplättchen gegossen und werden an einer Gedenkmauer am ehemaligen Friedhof montiert. Dieser Prozess ist wesentlich aufwändiger als herkömmliche Grabinschriften; keine Handschrift gleicht der anderen. Die Gedenkplättchen entsprechen nicht der Ästhetik serieller Herstellungsprozesse.

Herstellung der Waxplättchen

Schulklassen der Europaschule Schwalmtal und des Berufskollegs des Kreises Viersen haben bei der Öffentlichkeitsarbeit und der Suche nach Patinnen und Paten mitgewirkt. Eine Gruppe in der LVR-Helen-Keller-Schule hat mehrere Monate lang die Wachsplättchen hergestellt in die zwischen Mai und Juli 2017 die Namen der Toten geschrieben wurden.

Daraus werden in der Kunstgießerei Anft Bronzeplaketten gegossen, damit die vielen individuellen Handschriften an der Gedenkstätte Waldniel an diese Menschen erinnern.

Das Schreiben und Gießen der Namen

Um einen Austausch zwischen den Mitwirkenden zu ermöglichen, hat das Schreiben der Namen an öffentlichen Orten im größeren Rahmen stattgefunden. Am 19. Mai 2017 haben sich im Rathaus Schwalmtal 387 Personen eingefunden. Dort haben bei der Organisation Schülerinnen und Schüler der LVR-Krankenpflegeschule Viersen mitgearbeitet. Weitere Termine fanden statt in der Pfarre St. Mariae Himmelfahrt in der Waldnieler Heide, in der LVR Helen-Keller-Schule in Essen, im Maria-Lenssen Berufskolleg in Mönchengladbach sowie im Kunsthaus Kannen in Münster.

Bereits vor der Eröffnung der Gedenkstätte hat sich so ein Raum der Erinnerung erschlossen, da über die entstehende Gedenkstätte und ihre Geschichte gesprochen wurde, um die Beteiligten zu finden und einzubinden. Deshalb und weil wir wollen, dass die Toten nicht nur durch eine Zahl dargestellt werden und der Name jedes Menschen tatsächlich erinnert wird, haben wir Patinnen und Paten gesucht, die diese Namenszüge zum Gedenken schreiben.

KINDLICHE ZEICHEN AM EHEMALIGEN FRIEDHOF

Im ehemaligen Friedhofsbereich liegen drei kugelförmige Skulpturen aus bunt lackiertem Aluguss. Diese Kugeln sind jenen Objekten nachempfunden, die spielende Kleinkinder gerne aus Knetmasse herstellen. Sie sind aber mit einem Durchmesser bis zu 180 cm stark vergrößert. Die Skulpturen sind in einem gemeinsamen Prozess mit Künstlerinnen und Künstlern aus dem Kunsthaus Kannen sowie mit Schülerinnen und Schülern aus Schwalmtal und dem Kreis Viersen entstanden.

Spielende Kinderhände
Spielende Kinderhände

Das Formen der Kugeln – Fotos: Petra Oelck, Unternehmenskommunikation, Alexianer Münster GmbH.

Kugelvorbereitung – Fotos: Toni Hammerschmidt

"…. Rot, gelb und blau stechen sie aus dem Gelände hervor, die mannshohen Knetbälle. Noch gibt es sie nur auf den Zeichenplan des Künstlerpaars Katharina Struber und Klaus Gruber aus Wien. (…) Im Juni dieses Jahres soll der Umbau der Gedenkstätte starten, die Künstler mit Behinderungen aus dem Kunsthaus Kannen werden dann mit dem Wiener Künstlerpaar und Schülern aus Waldniel gemeinsam ans Werk gehen. Ein inklusives Projekt, das helfen soll, dass die Erinnerung an die jungen Opfer nicht verblasst." So hat Carmen Echlmeyer bereits im April unser Vorhaben in der Alexianer Zeitung angekündigt

Vom 19. bis 23. Juni hat sich die Idee materialisiert. Ein Team von 23 Personen hat in der Werkstatt der Kunstgießerei Anft an den bis zu 180 cm großen Gipsmodellen gearbeitet, die als Grundlage zur Herstellung der Aluminiumskulpturen dienen.
Eine intensive Woche, in der das Team gemeinsam Styropor geschliffen, Gips angerührt, aufgetragen und die Oberflächen der Kugeln gestaltet hat. Allen Mitwirkenden war die Ernsthaftigkeit und das Wissen um die grausame Geschichte der Krankenmorde in der NS-Zeit bewusst. Dennoch hat es große Freude gemacht, im gemeinsamen Tun eine Spur herzustellen, die dieser Geschichte ein bleibendes Zeichen entgegensetzt.

GESTALTUNG

Grundriss der Gedenkstatte Waldniel
Orientierungsplan Neugestaltung Gedenkstätte

Unser Entwurf schafft einen kontemplativen Ort, der ganz klar zeigt, dass hier auch ermordete Kinder begraben sind.

Zwei skulpturale Hauptelemente strukturieren das Gelände der Gedenkstätte.

ANNÄHERUNG

Es wird eine neue Annäherungssituation hergestellt. Eine im Grundriss L-förmige Mauer aus anthrazit gefärbten Betonelementen schirmt den Gedenkort von der Straße ab. Durch das kontinuierliche Neigen der Betonelemente an der Längsseite öffnet sich den Hereingehenden der Blick in die Gedenkstätte langsam. An der Innenseite – der dem Friedhofsbereich zugewandten Stirnseite – sind Bronzeplättchen in die Mauer eingelassen. Dort sind die Namen der Toten in individuellen Schriftzügen zu lesen.

Entwurf Ansicht Gedenkstätte Westseite Blick nach Innen
Entwurf Ansicht Gedenkstätte Westseite Blick nach Innen

EIN EINBLICK IN DIE GESCHICHTE DER GEDENKSTÄTTE

Die Gedenkstätte erinnert an die Menschen, die als Psychiatriepatientinnen und -patienten in der NS-Zeit Opfer von Zwangssterilisation, Mangelernährung und „Euthanasie“ wurden. Sie liegt auf dem 1913 angelegten Friedhof des St. Josefsheims, einer von den Franziskanerbrüdern betriebenen Bildungs- und Pflegeanstalt. 1937 übernahm die Provinzialverwaltung der Rheinprovinz das Heim mit ca. 600 Betten als Zweigstelle Waldniel der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Johannistal, Süchteln. Von 1941–1943 befand sich hier eine der größten sogenannten Kinderfachabteilungen des Deutschen Reiches mit 200 Betten. 99 Kinder starben während dieser Zeit – viele nachweislich als Opfer von Euthanasie-Maßnahmen.

Angeregt durch den Appell des Arbeitskreises zur Erforschung der NS-Euthanasie und Zwangssterilisation im Jahr 2012 beschloss der Landschaftsverband Rheinland 2016 die architektonisch künstlerische Erweiterung der Gedenkstätte durch die Arbeitsgemeinschaft struber_gruber.

Mehr Information unter:
www.waldniel-hostert.de

TERMINE

2×2 FORUM for EUROPEAN OUTSIDER ART 2017
Präsentation: Entstehung Gedenkstätte Waldniel
Modell, Partizipative Prozesse, Schreiben der Namen, Produktion Skulptur

21. – 24. September 2017
Kunsthaus Kannen
Träger / Supporting Institution Alexianer Münster GmbH
Alexianerweg 9, 48163 Münster, Germany
www.alexianer-muenster

SCHREIBEN DER NAMEN

19. Mai 2017
9:00 – 19:00 Uhr
Gangeszimmer
Rathaus Schwalmtal
Markt 20
41366 Schwalmtal
23. Mai 2017
10:00 – 14:00 Uhr
LVR Helen-Keller-Schule
Helen-Keller-Straße 2
5141 Essen

Ersatztermin Juni wird noch festgelegt.

VORTRÄGE ZU DEN KRANKENMORDEN IN WALDNIEL

19. Mai 2017
13:00 – 17:00 Uhr
Bürgersaal
Rathaus Schwalmtal
Markt 20
41366 Schwalmtal

13:00 Peter Zöhren
Gedenken und Erinnern

14:00 Dr. Maike Rotzoll
Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst
Patientenmorde in der NS-Zeit

15:45 Andreas Kinast
Geschichte der Kinderfachabteilung und NS-„Euthanasie“ in Waldniel

Gedenkstätte Waldniel Entwurf Ansicht Mauer mit handgeschriebenen Gedenktafeln

Gedenkstätte Waldniel Entwurf Ansicht Mauer mit handgeschriebene Gedenktafeln
Gedenkstätte Waldniel Entwurf Ansicht Mauer mit handgeschriebenen Gedenktafeln